Der Verlag

Der Dementi-Verlag ist ganz klein. Er besteht aus dem Verleger und ein paar getreuen Helferlein. Wir machen ausschließlich preisgünstige E-Books und tummeln uns mit größtem Vergnügen in einem Gebiet, wo literarisches Niveau nicht an erster Stelle steht. Trivialliteratur, wilde Sex-Geschichten, Liebesschmöker, Krimis ohne Ende. Großartige Sachen, deren Produktion Können voraussetzt. Wer darüber die Nase rümpft, möge selbst einmal so etwas schreiben und auf den Markt werfen.

Der Dementi-Verlag bringt im Billig-Literatur-eBook- Marktsegment Geschichten mit höherem sprachlichen und literarischen Anspruch heraus. Das müssen keine ambitionierten, hochgestochen ernsthaften Sachen sein. Die erste Story - „Goldilocks Jaguar“ - soll unterhalten und die Leser zum Lachen bringen. Aber es geht uns darum, bei der Kostnichtviel-Elektroliteratur die Schrauben in puncto Niveau spürbar anzuziehen.

 

Der Verleger

Interview des Daily Planet mit dem Gründer des Dementi-Verlages, 

Clemens Dementi IV

 
Wir treffen Clemens Dementi IV in einem einfachen Italo-Restaurant in Hamburg Winterhude. Er kommt nach uns, wird vom Chef freudig begrüßt. Sie sprechen italienisch miteinander. Ein kleiner, unauffälliger Mann in einem schlecht sitzenden, nichtssagend grauen Geschäftsanzug. Dementi strahlt uns fröhlich an und wir lassen uns zu einer Nudelplatte – Pasta Mista – bewegen.

Es ist ja recht mutig, in diesen bewegten Literaturzeiten einen neuen Verlag zu gründen.

Sicher, sicher, aber ein paar von meinen Cousins hatten Schwierigkeiten mit ziemlich hartnäckigen Geldverleihern, so dass wir uns entschlossen haben, reich oder berühmt zu werden oder beides. Wenn man reich ist oder berühmt oder beides, kriegt man solche Typen leichter in den Griff. Literatur schien uns da ein probates Mittel.

Und Sie meinen, dazu mit einem Verlag für E-Books auf dem richtigen Weg zu sein?

Es ist immer eine Frage der Alternativen und Elektrobücher sind einfach schwer im Kommen. Gerade das Billig-Segment für den kleinen Geldbeutel und den kleinen Lesehunger zwischendurch. Daher auch unser Slogan „A nice dose of prose“. Wir gehen in das Marktsegment, wo Trivialliteratur und auch Trash verkauft werden. Wer da shoppen geht, will zur Abwechslung manchmal bessere Sprache und ein paar Storys lesen, die aus dem dort üblichen Rahmen fallen, ab und an etwas gehobenere Literatur. Dann sind wir da, das ist unser Programm – so simpel ist das.

Also wollen Sie bei den E-Books so etwas sein, wie die Heilsarmee im Rotlichtviertel?

Nein, um Gottes Willen, bloß das nicht! Wir wollen niemand bekehren, das wäre peinlich und es wäre furchtbar, wenn wir irgendwen von der Trivialliteratur oder vom Trash abbringen würden. Unverzeihlich. Es geht nur um etwas Abwechslung. Vielleicht gelingt es uns ja, einige Hochliteraturleser zu Abstechern ins E-Book-Trash-Milieu zu verleiten. Etwa wenn ein paar waschechte, Feuilleton-gestählte Intellektuelle uns suchen und in dieser Umgebung finden. Und wenn sie schon mal da sind, machen Sie sich ein paar vergnügte Stunden mit Perry Rhodan, süffigen Sex-Geschichten und C-Klasse-Krimis. Das wäre großartig.

Die Nudeln sind da, wir greifen beherzt zu, Dementi breitet verschiedene Pasta flächig auf dem Teller aus und legt darüber ein paar grüne Tagliatelle in einer Art großer Schleife mit einem Kreis. Es erinnert an einen Notenschlüssel. Der Kellner bringt Pellegrino Wasser und der Verleger besteht darauf, dass jeder ein Glas Rotwein nimmt. Es schmeckt köstlich. Dementi beginnt vorsichtig, die Nudeln in den Zwischenräumen der Tagliatelle-Schleife zu essen.

Erzählen Sie von den Büchern, die im Dementi-Verlag erscheinen.

Beispielsweise haben wir einen kurzen, frech-fröhlichen Wirtschaftsroman. Bei „Goldilocks Jaguar“ von J.Fritzgerald Dementi geht es auf leicht skurrile Weise um ein heikles Thema, die feindliche Übernahme der Aktionärsmehrheit bei der Wolfsauto AG, einem in Niedersachsen beheimateten Autokonzern. Das passt gut in die Zeit, finde ich. Und natürlich machen wir auch Kurzgeschichten, wie zum Beispiel „Lämmer, Bären, Blut“, drei richtig gute Stories von J.M. Dementi, einem begnadeten Prosaiker. Große, zeitlose Kunst und irre preiswert.

Sie sprechen hier von zwei „Beispielen“. Unsere Recherchen haben ergeben, dass das alles ist, was der Dementi-Verlag im  Programm hat. Ist das tatsächlich so? Ein Kurzroman und drei Kurzgeschichten?

Das ist doch schon allerhand – mehr als der Durchschnittsdeutsche im Jahr an Prosa konsumiert. Unsere Leser haben auch noch andere Dinge zu tun und sollten auch andere Sachen  lesen. Wir können ihnen nicht uferlos Zeit stehlen. Aber da ist noch Einiges in der Pipeline, Sie werden schon sehen. Und welcher andere Verlag kann schon von sich behaupten, dass 100% seines Programms makellose 1A-Literatur ist, die man überdies zu Killerpreisen von 88 Cent und 3,33 € im Internet als Elektrobuch kaufen kann?

 Na da sind wir mal gespannt

 … das können sie ruhig sein.

Dementis Stimmung scheint etwas zu kippen, wir bestellen mehr Wein. Der Verleger lächelt wieder und isst weiter mit vorsichtig geführter Gabel Nudeln aus den Zwischenräumen seiner Tagliatelle-Schleife.

Wir haben uns mal Ihre website angesehen. Das wirkt reichlich billig. Und nichts ist interaktiv.

Genau so ist es, die Fortsetzung der Kinderpost mit anderen Mitteln. Die Einrichtung der website kostete 9,90 €. Der Betrieb ist sechs Monate gratis und kostet danach 2,99 € im Monat. Da bleibt mehr Geld für den Verleger; das nächste Mal lade ich Sie ein. Hier um die Ecke ist ein guter Franzose, der gehört auch einem Cousin von mir. Unsere Bücher werden ja über die websites von amazon, apple und den anderen verkauft. Ich denke mal, dass die gute websites haben. Und wozu brauchen wir interaktiven Krempel auf www.dement-verlag.de? Unsere Kunden sollen vor allem Elektrobücher lesen und fernsehen, Fußball spielen, Mülltonnen umtreten, mal ihre Dachrinnen sauber machen und sowas, aber nicht öde im Internet rumstochern. „Interaktiv“ wird überschätzt.

Auf ihrer website findet sich das Verlagsmotto „Kein Kommentar“ – angeblich ihr „Mission Statement“. Finden sie nicht, dass sie dafür auf der website und auch hier etwas zu geschwätzig sind?

Kein Kommentar.

Stimmt es, dass Autoren des Verlages unter Pseudonymen schreiben, wie man auch auf Ihrer website lesen kann?

Das ist tatsächlich so. Bei uns schreiben alle unter dem Namen Dementi, eine große Familie. Aber ich denke, ich kann hier mal zwei der Pseudonyme lüften. Karl-Heinz Dementi schreibt gerade an einer Novelle unter dem Pseudonym Kai-Uwe Dementi.

Wieso das?

Kai-Uwe ist der Cousin von Karl-Heinz. Und Kai-Uwe nennt sich des Öfteren Karl-Heinz Dementi. Die beiden haben mal zusammen gewohnt; da kam häufig die Polizei vorbei und so hat das angefangen.

Aha, klar, verstehe, interessant. Aber wir müssen langsam zum Schluss kommen. Also, wie geht es weiter? Wie sehen Sie die Zukunft des E-Books?

Groß und strahlend! Haben Sie schon mal etwas auf einem guten E-Reader gelesen? Und dann damit mal eben schnell ein paar Sachen bestellt? Nach einer Weile wollen sie den Papierkram nicht mehr. Elektrobücher werden alles in Sachen Literatur umkrempeln. Print-Bücher werden in kleine Nischen zurückgedrängt. Lassen Sie es 10 Jahre dauern oder 20. Aber es passiert; es hat ja schon angefangen.

Und darum fangen auch Sie jetzt an?

Ja.  Das Thema ist der Hype. Spätestens mit „Fifty Shades of Grey“ weiß jeder, der sich aus irgendeiner Ecke heraus mit Literatur befasst, dass hier etwas Großes läuft. Und jeder kann mitmachen. Also nix wie los.

Und Sie glauben, dass Sie damit erfolgreich werden?

Abwarten. Im Moment herrscht das Klondike-Fieber, der große Goldrausch. Alle machen sich auf, viele Verlage noch etwas unsicher. Aber sehr viele Schreiber sind auf den Weg, um mit e-Books Reichtum und Ruhm zu finden; mit Ihnen ziehen die Händler und die Huren. Nur wenige werden auf Gold stoßen, noch weniger werden reich werden. Die meisten Träume werden platzen. Aber es wird einige geben, die manchmal ein paar kleine Nuggets und etwas Goldstaub finden. Und ein paar von ihnen werden zäh und lange dabei bleiben, immer wieder ein paar Dollars machen, die sie abends oder am Wochenende in die Stadt bringen, in die Bars, an die Spieltische, zu den Huren, bis alles Geld weg ist und dann machen sie sich wieder an die elende Schürferei. Ich schätze, der Dementi-Verlag wird zu dieser Gruppe gehören. Und irgendwann bin ich dann alt und zerknittert, etwas ungepflegt und es fehlen schon Zähne. Und dann kommt ein Arte-Fernsehteam in meiner heruntergekommenen Hütte vorbei und ich erzähle Anekdoten aus der wildesten Zeit des E-Book-Goldrausches und dann pfeift der Teekessel auf dem Ofen.

Das ist Ihre Befürchtung?

Das ist der Businessplan.

Wir fragen nach der Rechnung. 96 € für sechs Glas Wein sind happig; der Chefredakteur wird murren. Auf dem Teller des Verlegers liegen nur noch die hellgrünen Tagliatelle, alles andere ist fein säuberlich verputzt. Jetzt können wir es erkennen: Die Tagliatelle bilden ein Dollar-Zeichen. Beim Rausgehen bemerken wir, wie der Kellner dem Verleger mit geübt rascher Bewegung einen Geldschein zusteckt.